Wie sich Grüner Veltliner und Silvaner neu erfinden müssen

Höhere Durchschnittstemperaturen, langanhaltende Hitzeperioden im Sommer und zunehmend unberechenbare Wetterextreme prägen das Bild der heutigen Generation von Winzern, wie hier in der Rotwein-Parzelle.Besonders im Fokus stehen die traditionellen, hellen Rebsorten, deren feine Aromatik extrem sensibel auf thermischen Stress reagiert.
Wo früher die optimale Ausreifung der Trauben das Hauptziel war, geht es heute um den Erhalt von Frische, Eleganz und lebendiger Säure.
Die Hauptsorte unter Hitzedruck
​Der Grüne Veltliner ist das unbestrittene Aushängeschild des österreichischen Weinbaus. Diese Rebsorte schätzt eigentlich ein moderates Klima mit ausreichender Feuchtigkeit, um ihre berühmte „Pfeffrigkeit“ und vitale Säurestruktur zu entwickeln. Durch die intensive Sonneneinstrahlung steigt jedoch der Zuckergehalt in den Beeren rapide an. Das führt bei der Gärung zu ungewohnt hohen Alkoholwerten, während die lebenswichtige Gesamtsäure drastisch sinkt. Dem Wein droht dadurch ein Verlust der typischen Frische.
Er wirkt im schlimmsten Fall brandig und schwerfällig.
Verfrühte Lese und die Verschiebung der Aromenphänologie
​Ein weiteres zentrales Problem stellt die zeitliche Verschiebung der Traubenreife dar. Die Weinlese beginnt heute oft viele Wochen früher als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Trauben erreichen die technologische Reife – sprich den hohen Zuckergehalt – oft mitten im heißen August. Zu diesem Zeitpunkt ist die phenolische Reife, also die Entwicklung der komplexen Geschmackskomponenten in der Beerenhaut, jedoch meist noch nicht abgeschlossen. Winzer stehen vor dem Dilemma, entweder zu früh mit wenig Aroma oder zu spät mit zu viel Alkohol zu ernten.
Der Silvaner als stabiler Partner in der Krise
​Neben dem Grünen Veltliner rückt eine traditionelle weiße Rebsorte wieder verstärkt in den Fokus: der Silvaner (Sylvaner). Lange Zeit zugunsten ertragsreicherer oder trendigerer Sorten in den Hintergrund gedrängt, zeigt sich der Silvaner erstaunlich resilient gegenüber Trockenheit.
Durch sein tief reichendes Wurzelsystem kann er Trockenperioden oft besser überstehen als flacher wurzelnde Reben. Bei geschicktem Management bewahrt er eine solide Grundstruktur und feine Mineralität. Er wird daher zunehmend als wertvoller Partner in Cuvées oder als eigenständige, klimrobustere Alternative diskutiert.
Strategisches Weinberg-Management als Schlüssel
​Die Winzerbetriebe reagieren flexibel mit weitreichenden Maßnahmen im Weingarten. Die klassische Laubarbeit wurde komplett umgestellt. Früher wurden die Blätter in der Traubenzone gezielt entfernt, um maximales Sonnenlicht einzufangen.
Heute verbleibt das Laub als natürlicher Sonnenschirm an der Rebe, um die empfindlichen Beeren vor Sonnenbrand und extremer Hitze zu schützen.
Auch die Bewirtschaftung des Bodens hat sich verändert. Eine dauerhafte Einsaat von Begrünungspflanzen speichert Feuchtigkeit, fördert die Biodiversität und verhindert die Erosion bei plötzlichem Starkregen.
Langfristige Optionen: Klone, Höhenlagen und PiWis
​Für die langfristige Zukunft setzen Forschung und Praxis auf fundierte Selektion. Es werden gezielt Klone des Grünen Veltliners vermehrt, die genetisch bedingt später reifen und die Säure besser halten können.
Gleichzeitig verlagert sich der Weinbau in manchen Regionen in kühlere, höher gelegene Zonen oder an kühlere Nordhänge. Parallel dazu gewinnen pilzwiderstandsfähige Rebsorten (PiWis) weiter an Boden.
Diese benötigen deutlich weniger Pflanzenschutz und bieten verlässliche Erträge in einem volatileren Klima. Der europäische Weinbau steht vor einer Renaissance, die Tradition und Wissenschaft vereint.

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